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Musik und Malerei, oder Klang und Farbe. Schönberg und Kandinsky,
diesen zwei Vätern der Moderne, wird das Verdienst angerechnet,
am Anfang des 20. Jahrhunderts - mit ihrem erhellenden Briefwechsel
- die theoretischen Grundlagen zur bestehenden synästhetischen
Nähe der beiden schöpferischen Disziplinen gelegt zu haben. Eine
Nähe, die eher in der Dissonanz als in der Harmonie der revolutionären
Klänge und Farben auszumachen ist, und in Kandinskys abstrakte
Malerei und Schönbergs Zwölftonmusik mündete. Und es ist vor allem
ein 1911 - kurz nach dem Besuch eines Konzerts mit Werken Schönbergs
und den dadurch ausgelösten Gefühlen - gemaltes Bild Kandinskys,
Impression III (Konzert), das sinnbildlich den bestehenden klanglichen
Zusammenhang zwischen der abstrahierten schwarzen Oberfläche des
Flügels und dem weiten gelben Untergrund erhellt (auch dank der
so meisterhaft entwickelten Reflexionen in der im Dezember desselben
Jahres erschienenen Schrift Über das Geistige in der Kunst): "Wie
ein ewiges Schweigen ohne Zukunft und Hoffnung klingt innerlich
das Schwarz (...), die klangloseste Farbe, auf welcher deswegen
jede andere Farbe, auch die am schwächsten klingende, stärker
und präziser klingt (...) Diese Eigenschaft des Gelben, welches
große Neigung zu helleren Tönen hat, kann zu einer dem Auge und
dem Gemüt unerträglichen Kraft und Höhe gebracht werden. Bei dieser
Erhöhung klingt es, wie eine immer lauter geblasene scharfe Trompete
oder ein in die Höhe gebrachter Fanfarenton.“ Leider kann man
hier nicht all die faszinierenden Gedankengänge Kandinskys über
die anderen Farben (Blau, Rot, Grün und vor allem Weiß) anführen.
Und so ist es uns ganz recht, mit dieser kurzen Würdigung in die
parallelen „Klingenden Farben“ von Angela Rossi einzudringen,
deren Bildzyklus Ikonen des Jazz - in 30 Arbeiten auf Plexiglas
von 70x100 cm (waagrechte Bilder) und 100x70 cm (senkrechte Bilder)
- erneut diese unauflösliche Verbindung zwischen Musik und Malerei
versinnbildlicht und in den Bildnissen der Hauptvertreter der
Jazz-Musik (darunter auch Zeitgenossen) Revue passieren lässt.
Eine Musik, die schon mit der Hautfarbe beginnt, hat mit den schwarzen
und weißen Leibern ihrer legendären Helden irgendwie die theoretischen
Anregungen Kandinskys exemplifiziert, reichend von den so melancholisch-warmen,
verzweifelnden und instinktiven rhythmischen Sequenzen des Blues
mit all seinen Varianten bis zu den raffinierteren und rationaleren
Skalenlösungen des Cool. Diese Ikonen des Jazz, die schon in ihren
Titeln jene Heiligkeit und Aura der Kult-Namen der Jazz-Geschichte
evozieren, respektieren vor allem die technischen Beschaffenheiten
der heiligen, auf Glas gemalten Ikonen, deren wesentliche Eigenheit
es ja ist, als Negativ gedacht und ausgeführt werden zu müssen,
insofern das Malen auf der Rückseite der transparenten Oberfläche
sowohl die höchste Beständigkeit der Pigmente gegenüber - vom
unerbittlichen Lauf der Zeit bedingten - farblichen Veränderungen
garantiert, als auch die stärkste Leuchtkraft und plastische Wirkung.
Was die körperlichen Kennzeichen der gemalten Persönlichkeiten
betrifft, deren äußerst typischen Körperhaltungen in Verbindung
mit dem jeweiligen Musikinstrument (einschließlich Stimme) auch
Nicht-Insidern vertraut sind, so ließ sich Angela Rossi von gewohnten
Fotos, die sie in Massenmedien (Zeitungen, Magazinen, Büchern,
Internet, Covers) auffand, inspirieren und reinterpretierte sie
gemäß einer figurativen Poetik unter deutlichem Einfluss des post-pop
(und nichts anderes könnte es sein, wenn man auch die US-amerikanischen
Ursprünge der Jazz-Musik berücksichtigt), gespeist aus einer material-informalen
Gestik. Von hier leitet sich die wesentliche Modernität eines
Umbruchs in der Malerei ab, der, anstatt bei realistischen Menschen-
oder Instrumentendetails zu verweilen, die Wiedererweckung von
Atmosphäre vorzieht, eines Habitats, in welchem der Hintergrund
der geschlossenen oder offenen Räume - von der Quint bis hin zum
gedämpften Schall - mal verzehrenden Wohlklang erzeugt, mal rhythmisch
drängende Modulationen massiver Farben, gleichsam geflüstert und
nie expressionistisch hinausgeschrieen. Ferner wurde in einigen
Werken die jeweilige Bildquelle, von der die kreative Anregung
kam, absichtlich als Positiv auf die Rückseite des Plexiglases
gemalt, sodass das resultierende Abbild dann im Bild um 180 Grad
gedreht erscheint im Vergleich zum ursprünglichen Abbild. Ein
Spiegelspiel also, das grafisch und begrifflich auch im Katalog
wieder aufgenommen wird: auf jeweils zwei gegenüberliegenden Seiten
wird der in Vierfarbendruck gedruckten authentischen Ikone gleichrangig
deren direkte Aufnahme in schwarz-weiß gegenübergestellt, und
zwar jeweils um 180 Grad gedreht (das selbe Schicksal erleiden
auch die dazugehörigen Bildunterschriften der Titel) sowie verkleinert.
Der derart inszenierte listige Zweikampf zwischen Realität und
Fiktion, beziehungsweise die Vorspiegelung (der malerischen Dreidimensionalität,
aber auch der angeblichen Wirklichkeitstreue der Fotografie) der
„auf Tatsachen beruhenden“ schillernden Physiognomien ihrer Performances,
mischen die Karten der zunehmend verwirrten und verwirrenden zeitgenössischen
Kunst wieder. Von hier ausgehend die Feststellung einiger - übrigens
gut gelungener - farblicher Wagnisse, die man in mehreren Portraits
mit „Farb-Umwendungen“ bemerkt, mal warm-erdfarben, mal bläulich,
noch aschgrau (aber mit „sauren“ gelb-grünen Abweichungen), das
ganze perspektivisch gestaltet mit dem Vordergrund aus angenehm
elastisch-gestretchten Gesichtern und Körpern. Den wesentlichen
Unterschied zwischen der zugrundeliegenden - genetisch zerquetschten
und zweidimensionalen - fotografischen Matrize und seiner vergrößerten
malerischen Bearbeitung erfasst man ganz erst in der Lebendigkeit,
die Angela Rossi jeder einzelnen Ikone eingeprägt hat, fast immer
psychologisch wieder aufgeworfen im Innern einer polaren apollinisch-dionysischen
Dialektik, die von einzelnen - oft tragischen und dramatischen
- biografischen Begebenheiten herrührt. Und als ob sie an den
abgerissenen Faden von Horaz’ Ut pictura poësis anknüpfen wollte,
nämlich an eine sprechende - und deshalb klingende - Malerei,
nach dem Maß der Poesie („Simonides“, sagt Plutarch, „definierte
die Malerei als stumme Dichtkunst, und die Dichtkunst als Malerei,
die spricht; denn die Taten, die Maler im Moment ihrer Ausführung
darstellen, beschreiben Worte, nachdem sie getan sind“), fokussiert
die abruzzesische, jedoch in der Lombardei ausgebildete, Künstlerin
ihre Aufmerksamkeit auf die dynamisierte plastische Leistung der
Hände und Münder, die wichtigsten „Werkzeuge“ einer jeden gesanglichen
oder instrumentalen Musikausübung. Aber auch auf Blickpausen und
-stillen, die fast vorkommen um sich zu verlieren, vom großzügig
bis zum letzten Hauch erweiterten Atem, von zermürbten Armen und
Händen in den eindringlichen Rhythmen eines Schlagzeugs. Kurz,
auch wenn es manchmal ein zu erhellendes Lächeln ist (Dizzy Gillespie,
Sarah Vaughan, Art Blakey) oder eine perfekte Verschmelzung von
Performer und Musikinstrument, um die Wahrnehmbarkeit von „visuellen
Klängen“ zu unterstreichen (Duke Ellington, Joe Mc Fee, Charles
Mingus, John Coltrane, Louis Armstrong, Sonny Rollins, Eric Dolphy),
es ist letztlich der Baudelaire’sche Spleen der zwischen den Tönen
einer Malerei voller Timbres es schafft uns bis aufs Äußerste
zu reizen; leuchtende, in den nächtlichen kohlenschwarzen Untergrund
hinausgesetzte Kontraste: der über das Unendliche hinaus geworfene
Blick Ella Fitzgerald’s und jener ruhelose Blick von Miles Davis,
der uns die Last eines Daseinsunbehagens spüren lässt, sie scheinen
der unentrinnbaren kosmischen Einsamkeit eines Chet Baker und
Enrico Rava nachzujagen, beinahe verschlungen vom umgebenden Grau,
teilweise chromatisch erwärmt vom betäubenden Zigarettenqualm
des Thelonious Monk und dann erstarrt in der spukhaft-zarten [auf
italienisch: evanescente; Anm. d. Ü.] Gestalt von Bill Evans.
Traduzione in tedesco/Übersetzung ins Deutsche:
Daniela Nerini, Johann Ramböck
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